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Bessere Nutzung der Kapazitäten

Das Hamburger Netzwerk „PsyConnect“ will eine praxisübergreifende Psychotherapieversorgung etablieren

Hintergrund und Motivation
Ein großer Teil der Versorgungsdefizite in der ambulanten Psychotherapie könnte durch bessere Nutzung der vorhandenen Therapiekapazitäten (zum Beispiel operationale Indikationsstellung, Gruppentherapien, Stepped-care, Sofort- und Akuttherapie, Kurzzeitinterventionen) überwunden werden. Neben der klassischen Einzeltherapie müsste dafür ein neuartiges Behandlungsspektrum angeboten werden. Eine vernetzte Kooperation von Psychotherapeuten mit spezifischer Aufgabenverteilung könnte dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Leider verfolgt die lang erwartete Strukturreform einen gegenläufigen Ansatz. Die neuen Richtlinien zielen darauf ab, dass jeder alles macht. Das ist weder zeitgemäß noch effizient. Zusätzliche Aufgaben wie Telefonsprechstunde, Erstsprechstunde und Akuttermine gehen nicht nur zulasten der Kapazität in der Psychotherapieversorgung. Es muss ein zusätzlicher organisatorischer Aufwand bewältigt werden. Auch der angekündigte Impuls für mehr Gruppentherapien ist ausgeblieben. Es wurden keine Lehren aus den erfolglosen Förderkonzepten der Vergangenheit gezogen. Die Organisation von Gruppen erfordert einen funktionierenden Verwaltungsapparat, den man sich in einer Einzelpraxis nicht leisten kann. Die neuen Regeln in der Psychotherapie, nach denen jeder Psychotherapeut die ganze Bandbreite an Diagnostik und Therapie anbieten muss, zwingen die Psychotherapeuten jedoch genau in dieses Dilemma. Jede Praxis müsste danach teure Strukturen aufbauen. Die Versorgungslage wird sich so nicht verbessern lassen. Vielmehr ist das Gegenteil zu befürchten, da Therapiekapazitäten in Diagnostik und Indikationsstellung verlagert werden.


Praxisübergreifene Psychotherapie

Dennoch eröffnet sich mit der Strukturreform in der Psychotherapie eine Chance. Es wurden nämlich die Voraussetzungen für eine praxisübergreifende Psychotherapieversorgung geschaffen. Kombinationsbehandlungen mit Beteiligung mehrerer Therapeuten scheiterten bisher an nahezu unüberwindbaren bürokratischen Hürden. Dass eine gemeinsame Psychotherapie durch zwei oder mehrere Therapeuten nicht nur möglich ist, sondern auch viele Vorteile für Patienten und die Versorgung haben kann, zeigen die erfolgreichen Behandlungskonzepte aus (teil-)stationären psychosomatischen Einrichtungen. Diese Errungenschaften können nun auch in der ambulanten Psychotherapie umgesetzt werden.

Ein praxisübergreifendes Netzwerk
PsyConnect ist ein kürzlich gegründetes Netzwerk aus Verhaltenstherapeuten, das eine praxisübergreifende Psychotherapieversorgung aufbauen wird. Die gemeinsame Nutzung von Verwaltungsstruktur ist aus Kosten- und Effizienzgründen für alle Beteiligten eine große Entlastung. Der eigentliche Vorteil des Netzwerks liegt aber in den innovativen Behandlungsoptionen. Dies gilt für Patienten und Therapeuten gleichermaßen, und zwar in der Diagnostik, Therapieplanung und Behandlungsdurchführung. Die Vorteile für die Therapeuten sind evident. Es braucht nur eine einzige telefonische Sprechstunde; Erstsprechstunde oder Akuttherapie kann jeder anbieten, muss es aber nicht; und Gruppentherapien können von jedem Therapeuten durchgeführt werden. Besonders Letzteres war für Verhaltenstherapeuten in eigener Praxis bisher kaum möglich. Dafür braucht es nämlich ein anspruchsvolles Case-Management und einen ausreichend großen Patientenstamm, da die Behandlung zumeist in störungsspezifischen Gruppen erfolgt. Der individuelle Therapieabschnitt in der Einzeltherapie kann vom gleichen, aber auch von anderen Therapeuten im Netzwerk übernommen werden.


Maßnahmen zu Bündelung von Ressourcen

Das Netzwerk wird ein spezialisiertes Diagnostikteam aufbauen und einheitliche Standards in der Therapieindikation und Behandlung festlegen. Die Einbindung ärztlich-psychiatrischer Kollegen und ein adaptives, IT-gestütztes Testverfahren werden feste Bestandteile der Erstdiagnostik sein und eine passgenaue Therapieplanung ermöglichen. Die Erstsprechstunde soll ohne Wartezeit (innerhalb von ein bis zwei Wochen) erfolgen. Das Angebot wird sukzessive der Nachfrage angepasst. Kombinationsbehandlungen mit Einzel- und Gruppentherapien, gestufte Behandlungen und Kurzinterventionen werden indikationsbezogen und regelhaft zum Einsatz kommen. Eine eng aufeinander abgestimmte, fachübergreifende Behandlung durch Psychotherapeuten und Psychiater im Netzwerk wird vielfältige Vorteile in der Behandlung und im Krisenmanagement bringen. Ein koordiniertes therapeutisches Vorgehen ist besonders für das Thema Arbeitsfähigkeit und Vermeidung von Krankenhausbehandlungen wünschenswert. Letztlich ermöglicht die Behandlung in einer übergeordneten Netzwerkstruktur die Umsetzung von akuten Therapien; diese sollen, anders als die neuen Richtlinien es vorsehen, psychotherapeutisch im Gruppensetting stattfinden. Die Einzelgespräche (Dauer 30 Minuten) sollen bedarfsorientiert durch einen Psychiater mit psychotherapeutischem Schwerpunkt erfolgen, da akut erkrankte Patienten häufiger einen medikamentösen Behandlungsbedarf haben. Alle Behandlungseinheiten basieren auf langjährigen Erfahrungen und haben sich im klinischen Alltag bereits bewährt. Jede Behandlung wird im Verlauf hinsichtlich Therapieerfolg und Patientenzufriedenheit evaluiert. Eine wissenschaftliche Überprüfung des Konzeptes ist durch eine Kooperation mit dem Institut für Medizinische Psychologie der Universitätsklinik Eppendorf sichergestellt.


Die Versorgungsziele von PsyConnect sind klar gesteckt: Es geht um eine schnellere, wirksame Diagnostik und Behandlung für psychisch kranke Menschen in Hamburg bei besserer Nutzung der vorhandenen Versorgungskapazitäten. In einem großen Therapiezentrum (VT Falkenried) werden diese Konzepte bereits seit über einem Jahrzehnt erfolgreich praktiziert. Es ist nur konsequent, den Schritt in eine praxisübergreifende Versorgung zu gehen und interessierte Psychotherapeuten an teamorientierten Behandlungsprogrammen zu beteiligen. Bei einem Erfolg eröffnet sich eine Perspektive für die Weiterentwicklung eines alternativen Behandlungssegments in der Psychotherapie. Man sollte dann darüber nachdenken, auch Hausärzte in den vernetzten Behandlungsprozess mit einzubeziehen. Entsprechende Modelle (z. B. Psychenet) sind bereits erfolgreich beforscht worden. Eine Einbindung von PsyConnect in eine sektorenübergreifende Versorgung wäre ebenfalls denkbar und könnte zur Überwindung der bekannten Schnittstellenproblematik beitragen.

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